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"Flutengel 2.0" helfen Menschen in Hochwassergebieten – Diakonie und Kirche haben in neun Regionen mobile Teams im Einsatz

Das Wasser ist schon lange verschwunden. Doch die Sorgen bleiben. Auch vier Monate nach der Flut brauchen viele Menschen Unterstützung. Mobile Teams des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe, der Diakonie Katastrophenhilfe und Evangelischen Kirche im Rheinland helfen Betroffenen in neun Regionen direkt in ihrem Zuhause. Ob finanzielle Unterstützung oder psychosoziale Beratung – die Fluthelferinnen und -helfer sind da.

Cornelius Günther und seine Kollegin Mihaela Milanova vom mobilen Team der Diakonie Trier sind unterwegs im Stadtteil Ehrang. (Foto: Frank Schultze/DKH)

Entsendung: Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, mit zwei Mitarbeitern des mobilen Hochwasserteams. (Foto: Frank Schultze/ Diakonie Katastrophenhilfe)

Es gibt diese Straßen, da weiß Elke Feuser-Kohler beim Durchfahren: Hinter jeder Haustür, hinter jedem Fenster ist das Hochwasser noch allgegenwärtig. Zu groß war die Zerstörung, zu intensiv die Erlebnisse in der Flutnacht, zu hoffnungslos scheint der Neuanfang für einige. Aber Elke Feuser-Kohler ist eine, die Mut macht, die zeigt: Es geht weiter. Die ausgebildete Traumapädagogin ist im mobilen Hochwasserteam des Diakonischen Werks Bonn und Region für die psycho-soziale Betreuung zuständig. Sie besucht seit Mitte August die Menschen, hört zu, unterstützt und versucht die Angst vor der Zukunft zu nehmen.

"Bei vielen war die Flut einfach eine Überlastung zu viel", sagt Feuser-Kohler. So wie bei Andrea Zöllner. Mit ihrer Familie verließ sie in der Nacht auf den 15. Juli in Todesangst ihr Haus. Der komplette Keller war bereits vollgelaufen mit Fäkalien, Öl und Schlamm. Darüber zu sprechen fällt Andrea Zöllner heute noch schwer. Sie sucht oft nach Worten. Vielen Betroffenen helfe es bereits, von Elke Feuser-Kohler, der "Fachfrau" zu hören, dass die Gefühle und Reaktionen etwas ganz Normales sind nach einem Erlebnis, das erst einmal unbegreiflich erscheint. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Hilfe bekomme", sagt Andrea Zöller.

Direkt bei den Menschen vor Ort

"Bei unserem Angebot setzen wir auf hoch-qualifizierte Mitarbeiter", beschreibt Marion Schaefer, Geschäftsführerin der Diakonie Bonn, den Anspruch der mobilen Arbeit. Nicht nur in Bonn und Umgebung gibt es mobile Hochwasserhelfer der Diakonie. In insgesamt neun Überschwemmungsgebieten sind die Mitarbeitenden in blauen Jacken unterwegs. Sie nutzen die lokalen Strukturen der Diakonie und der Kirchengemeinden vor Ort.

"Wir sind seit dem 15. Juli für die Menschen da und helfen. Zuerst mit Bargeld, Kinderbetreuung und Bautrocknern, jetzt durch unsere mobilen Teams, die noch individueller und flexibler auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen können", sagt Ulrich Christenn, Leiter des Diakonie RWL-Zentrums Drittmittel und Fundraising. "Wir wollen ganz bewusst Strukturen schaffen, die nachhaltig über Jahre hinweg in den Überschwemmungsgebieten wirken sollen", ergänzt Helga Siemens-Weibring, Beauftragte für Sozialpolitik, die für die besonders betroffenen Gebiete in Rheinland-Pfalz zuständig ist.

Helfen, wo die Unterstützung vom Staat nicht ausreicht

Die Vollzeitstellen mit Sozialarbeitern, Seelsorgern, psycho-sozialer Betreuung, und Verwaltungskräften, sowie die Räumlichkeiten, Autos und technische Ausrüstung werden aus Spendengeldern für die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und der Diakonie Katastrophenhilfe bezahlt. Die Stellen sind zunächst auf zwei Jahre angelegt. An einigen Orten arbeiten die Teams bereits seit knapp zwei Monaten, in anderen haben sie Anfang Oktober mit ihrer Arbeit begonnen.

"Die Diakonie unterstützt dort, wo Hilfen vom Staat und von der Versicherung nicht ausreichen", erklärt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Wir haben mit den mobilen Teams vor allem Menschen im Blick, die aktuell alleine nicht gut zurechtkommen: Alleinerziehende oder Familien mit vielen Kindern, Senioren oder Menschen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen benötigen Hilfe zur Selbsthilfe."

Auch die Seele stärken

Es gehe vor allem ums Zuhören, ums Raumgeben, ergänzt Judith Weichsel, Pfarrerin in Bad Münstereifel: "An Tag drei nach dem Hochwasser war ich bei einer Familie, die in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli die Ehefrau, Mutter und Oma verloren hat. Die Fassungslosigkeit war massiv. Ich konnte einfach nur zuhören". Heute, über drei Monate nach der Flut, kommen viele das erste Mal zu Judith Weichsel. Helferinnen und Helfer, die die Bilder der Nacht nicht vergessen können, erschöpfte und überforderte Familien. Darum wird ihre seelsorgliche Arbeit weitergehen: Ihre Stelle ist mit Spendengeldern speziell für diesen Zweck aufgestockt worden.

"Das Wasser steckt weiter in den Mauern - und in den Seelen", beobachtet Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. "Viele Betroffene hatten Erlebnisse, die in ihren Träumen und Gedanken immer wieder auftauchen, wie in einer Endlos-Schleife. Sie gehen deswegen nicht zum Therapeuten oder Arzt. Deswegen brauchen wir jetzt Flutengel 2.0." Die neuen Stellen der seelsorgerischen Betreuung speziell für die Überschwemmungsopfer sind mit vier Schwerpunktorten direkt an die Arbeit der mobilen Helferteams der Diakonie angebunden. Alleine im Ahrtal gibt es sieben zusätzliche Seelsorgende.

Mobile Teams mit Sprechstunden und Hausbesuchen

Die neun Regionen, in denen die Teams unterwegs sind, verteilen sich auf Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Eines der jüngsten mobilen Teams ist in Trier und dem Umland gestartet, zum Beispiel im Ortsteil Ehrang. "Hier wurde vor ein paar Jahren viel Geld in die barocke Architektur der Häuser investiert", erzählt Mitarbeiter Cornelius Günther. "Und jetzt ist durch den kleinen Bach Kyll wieder alles zerstört."

Auch vier Monate nach der Flut sind die Auswirkungen im Ortsteil überall zu sehen. Häuser wurden abgerissen, Geschäfte bleiben geschlossen. Das Team wird deshalb noch einmal verstärkt. Mit drei neuen Vollzeitstellen will die Diakonie auch in den Seitentälern Präsenz zeigen. "Es wird Sprechstunden geben, aber auch gezielt vor Ort Kontakt mit den Betroffenen aufgenommen", verspricht Carsten Stumpenhorst, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Trier und Simmern-Trarbach.

Für die Seelsorgerinnen und Seelsorger und die Mitarbeitenden der mobilen Teams der rheinischen Kirche, Diakonie RWL und der Diakonie Katastrophenhilfe gibt es viel zu tun. Sie bleiben vor Ort. "Und wir geben damit neue Hoffnung", so Carsten Stumpenhorst.

Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe / Text: Jörg Stroisch, Redaktion: Ann-Kristin Herbst


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