Webandacht: Muskelkater, wunderbar!

Was habe ich einen Muskelkater, denke ich mir, als ich morgens aus dem Bett aufstehe. Ich spüre alle Muskeln an Armen und Beinen, sogar solche, von denen ich vorher nichts wusste. Meine Knie schmerzen, von der Schulter gar nicht zu sprechen. Irgendwie fühle ich mich auf einmal 10 Jahre älter, mindestens. Das war so, als ich vor ein paar Wochen mit unserer ältesten Tochter die Terrasse neu gemacht habe. Das alte Holz wurde entfernt, auf die Deponie gefahren, die neue Unterkonstruktion ausgerichtet und verschraubt, der neue Holzbelag verlegt, fertig.

Denkste, fertig. Das alles hat natürlich eine ganze Woche gedauert und war ordentlich Arbeit. Eine Wochenaufgabe für den Urlaub zu Hause. Das geht ja manchen anderen auch so, zum Beispiel an einem verlängerten Wochenende wie diesem. Ich habe einen riesigen Respekt vor allen Handwerkern, die sowas jeden Tag machen. Den hatte ich schon vorher, jetzt aber noch viel mehr. Natürlich waren wir nicht so schnell wie die Profis. Trotzdem hat es geklappt. Darauf sind meine Tochter und ich stolz.

Aber es war richtig anstrengend. Daneben gab es noch ein anderes Gefühl: Schön, dass ich meinen Körper spüre. Gut, dass diese Muskeln funktionieren, auch wenn ich sie nicht jeden Tag so stark beanspruche. Meine andere Tochter würde sie alle mit Namen kennen, die ich mir nicht merken kann. Auch davor habe ich großen Respekt.

„Ich danke Dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“ Das steht in einem Psalm, also einem Lied aus der Bibel. Ich weiß nicht, ob die Person, die das so gesagt hat, in ihrem Leben schwer schuften musste. Vielleicht war sie auch den schönen Künsten zugeneigt. Oder hat normalerweise körperlich gearbeitet und nebenbei gedichtet. Auf alle Fälle drückt dieser Vers genau das aus, was ich einige Zeit nach dem Aufstehen und dem Muskelkater empfinde. In diesem Psalm werden jedenfalls Glaube und Empfindungen sehr gut ausgedrückt.

Denn da glaubt jemand, dass sein Körper, ja, sein Leben nicht aus sich selbst heraus entstanden ist, sondern dass Gott im Spiel war. Der Glaube an Gott als Schöpfer ist ein wesentlicher Teil der biblischen Botschaft. Und auch wenn wir heute über alle naturwissenschaftlichen Details der Entstehung der Welt wie des Menschen anders informiert sind, als das vor 3.000 Jahren der Fall war, dazu noch im Sinne der Aufklärung denken, ich glaube auch an Gott als Schöpfer. Meine Erfahrung ist: Menschliches Tun und Wirken haben Grenzen. Es gibt Dinge, die über uns hinausgehen.

Und ich finde, es ist schön, zu leben. Es ist wunderbar, was mein Körper leisten kann. Muskelkater ist wunderbar, denn ich spüre meine Muskeln. Auch wenn es manchmal schmerzhaft ist, es ist gut, dass ich sie habe. Dafür bin ich Gott dankbar. Ich bin wunderbar gemacht.

Superintendent Dr. Jörg Weber, Evangelischer Kirchenkreis Trier