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Da sein, zuhören, Hoffnung geben - Katholische und evangelische Seelsorger gemeinsam unterwegs im Hochwassergebiet Trier-Ehrang

Trier – Eine Woche, die erschüttert und verändert. Maren Vanessa Kluge, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Ehrang, und Gertrud Rosenzweig, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Trier, sitzen im Büro der evangelischen Kirchengemeinde in der Ehranger Straße und fangen an zu erzählen: Vom Hochwasser, von Menschen, von nächtlicher Flucht, von Sirenen, von Verlusten, von Ängsten, von Solidarität - und auch von Grenzen. Keine von beiden muss betonen, dass genau das jetzt Ökumene ist. Es ist halt so.

Gemeindereferentin Gertrud Rosenzweig (links) und die evangelische Pfarrerin Maren Vanessa Kluge in der vom Hochwasser verschonten Unterkirche der evangelischen Kirche in Ehrang. Hier ist auch eine Sammelstelle für Hilfsgüter für Hochwasseropfer. (Foto: Stefan Schneider/Bistum Trier)

"Für mich begann das alles am vergangenen Donnerstag", beginnt Rosenzweig. Als ausgebildete Notfallseelsorgerin war sie zunächst in der Turnhalle des Schulzentrums am Mäushecker Weg. Dort war eine Sammelstelle für Menschen eingerichtet worden, die vor dem Hochwasser aus ihren Häusern flüchten mussten. "Da sein, zuhören, vermitteln." Viele hätten faktisch nichts dabei gehabt, erinnert sich Rosenzweig: "Kein Handy, kein Geld, kein Adressbuch, keine Telefonnummern." Später seien die Evakuierten aus der Seniorenresidenz St. Peter dazugekommen. Sie sagt: "Es ist ein Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt wurde."

Am Freitag melden sich beide, die sich seit Jahren aus einer vertrauensvollen Zusammenarbeit im Ortsteil Ehrang kennen und schätzen, bei der örtlichen Feuerwehr. "Der Ortsteil war leer, niemand außer den Rettungskräften durfte rein, auch keine Bewohner", erzählt Kluge. Sie nahmen ihre gemeinsame Arbeit an einem der Eingänge zum Katastrophengebiet auf. Sie halfen ortsunkundigen Helfern bei der Orientierung und kümmerten sich um die Menschen, die zu ihren Häusern wollten, aber nicht durften. "Die Menschen hatten Angst: Was ist zerstört? Wie geht es weiter? Was ist mit Plünderungen?", erinnert sich Rosenzweig. Manche nahmen sie an die Hand und führten sie zu ihren Häusern. "Sehen was ist, um es dann vielleicht zu begreifen."

Jeder Tag ist eine neue Herausforderung

Das alles änderte sich wieder mit dem Samstag, dem Tag, als von überall her Massen an Helferinnen und Helfern in den zerstörten Stadtteil kamen. Sie organisierten sich in der evangelischen Gemeinde, zwei Bollerwagen beluden sie mit Getränken, Obst, Brötchen und zogen los. Einen Bollerwagen nahmen sie, den anderen zogen der evangelische Vikar Fynn Harden-Süsterhenn und Pater Thomas Pathuppallil, Kooperator der katholischen Gemeinde. "Wir sprachen mit den Helfern und mit den Anwohnern", so Kluge. Manchen sei es wichtig gewesen, einfach wahrgenommen zu werden in all dem Dreck. Viele hätten noch unter Schock gestanden. "Vieles muss schlicht weggeworfen werden. Aber irgendwann werden die Menschen sehen, was alles weg ist, ein Teil ihrer eigenen Geschichte, und das wird dann der nächste Schock."

Mit der Zeit wurden die beiden auch zunehmend der erste Telefonkontakt für viele, die Hilfe suchten oder Hilfe anboten. Flugzettel wurden verteilt mit ihren Telefonnummern. Und so verlagerte sich ihre Arbeit wieder weg von der Straße, hin zum Büro. Kluge: "Es waren ja auf der einen Seite viele Hilfsangebote, Menschen, Initiativen und Gruppen, dann die öffentlichen Institutionen, wie die Feuerwehr oder das technische Hilfswerk, und auf der anderen Seite die vielen, vielen auch unterschiedlichsten Probleme der Anwohner."

Auch Helfer müssen sich helfen lassen

Beide haben sich auch Auszeiten nehmen müssen. "Man muss für sich klar haben, dass man, ohne ein schlechtes Gewissen, auch Zeit für sich braucht", erzählt Rosenzweig. Eine Zeit, einen Ort, an dem man das alles ablegen kann. "Ich brauche abends eine Zeit der absoluten Stille", sagt Kluge. "Kein Telefon, keine Musik, kein Fernseher." Und sie freue sich auf eine Taufe am kommenden Wochenende, auch um aus dem Tunnelblick herauszukommen. "Ich gehe aber anders aus diesen Tagen heraus, als ich reingegangen bin", sagt sie. In der Theologie gäbe es tolle Fragen und tolle Antworten. "Hier wird das handfest, greifbar, körperlich." Jeder Tag sei anders, und jeder Tage habe sie verändert. Auch eine Dankbarkeit verspüren sie beide. Für das, was sie haben.

Einen Plan für die nächsten Tage und Wochen gäbe es nicht, betont Rosenzweig. "Noch stolpern wir von Tag zu Tag", ergänzt Kluge. Beide möchten ihre Rolle als Koordinatoren wieder abgeben. "Ich habe nur Theologie studiert", sagt Kluge und lächelt. "Ich kann ein Gemeindefest organisieren - aber nicht sowas hier." Beiden ist klar, dass es ihnen jetzt gelingen muss, aus dem Sprint der ersten Tage in einen Dauerlauf der kommenden Wochen überzugehen. Denn zum einen hielten sie dieses Tempo nicht auf Dauer durch, zum anderen bleibt der katholischen wie der evangelischen Gemeinde das Hochwasser als Aufgabe. Auch das werden sie zusammen angehen wollen. "Wir haben vorher schon viel zusammen gearbeitet, und wir ticken ähnlich", erzählt Kluge. Und Rosenzweig ergänzt: "Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Bedingungslos. Zu jeder Zeit."

Stefan Schneider / Bistum Trier - Arbeitsbereich Kommunikation


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