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„Die Orgel verleiht Lob und Klage eine Stimme“

Im Jahr der Orgel stellt ekir.de anhand von zwölf Instrumenten den Schatz rheinischer Kirchengemeinden vor. Die Serie „Orgel des Monats“ startet mit dem Orgelneubau in der Konstantinbasilika in Trier. Ein Gespräch mit Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Cyganek über die Königin der Instrumente, rheinische Orgelbautradition und die Nachwuchsförderung am Spieltisch.

Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer stellt die Hauptorgel in der Konstantinbasilika in Trier vor - und lässt sie erklingen. Das imposante Instrument aus dem Jahr 2014 wiegt rund 50 Tonnen, ist zehn Meter hoch und hat 6006 Pfeifen. Im Jahr der Orgel 2021 wird auf YouTube und auf www.ekir.de anhand von zwölf Instrumenten der Schatz rheinischer Kirchengemeinden gezeigt - Bild: ekir.de

Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer stellt die Hauptorgel in der Konstantinbasilika in Trier vor - und lässt sie erklingen. Das imposante Instrument aus dem Jahr 2014 wiegt rund 50 Tonnen, ist zehn Meter hoch und hat 6006 Pfeifen - mehr zu hören und zu sehen unter: "Die Orgel des Monats Januar: Die Eule-Orgel in der Trierer Konstantin-Basilika"
Im Jahr der Orgel 2021 wird auf YouTube und auf www.ekir.de anhand von zwölf Instrumenten der Schatz rheinischer Kirchengemeinden gezeigt


Die Orgel verleiht Lob und Klang eine Stimme - Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Cyganek im Interview

Die Orgel ist Instrument des Jahres 2021. Warum?

Ulrich Cyganek: Die Orgellandschaft in Deutschland mit ihren beinahe 50.000 Instrumenten ist einzigartig. Seit 2017 sind Orgelbau und -musik hierzulande durch die Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Der Klangreichtum der Instrumente ist gekennzeichnet von jahrhundertealter Tradition und kunsthandwerklichen Innovationen. Erlebbar machen ihn kleine und große Orgeln, darunter zahlreiche, die unter Denkmalschutz stehen. Kirchengemeinden unternehmen oft große Anstrengungen, um mithilfe von Spenden ihre Instrumente zu erhalten und restaurieren zu lassen.

Was macht das Tasteninstrument so faszinierend?

Cyganek: Man sagt, die Orgel sei ein ganzes Orchester oder gar die Königin der Instrumente. Diese Zuschreibung hat sich in der Epoche des romantischen Orgelbaus deutlich zugespitzt. Wurden doch die Instrumente mit fortschreitender Industrialisierung und zunehmenden technischen Möglichkeiten immer größer. Die stetig wachsende Zahl der Register (Pfeifenfamilien) verlockte, allerlei Orchesterinstrumente klanglich nachzuahmen. Die Kino-Orgeln aus der Stummfilm-Zeit legen beredt Zeugnis davon ab. Auch was Tonumfang und Lautstärke angeht, ist die Orgel als durchaus königlich zu bezeichnen.

Nur die Orgel kann ...

Cyganek: ... mit ihren strahlenden Klängen den Raum nicht nur für Brautpaare derart festlich erfüllen oder mit sanften Klangfarben eine meditativ-spirituelle Atmosphäre schaffen. Sie vermag Menschen zu berühren und ihnen bei Lob und Klage eine überpersönliche Stimme zu verleihen.

Die Gemeinden unserer Kirche verfügen über einen reichen Orgel-Schatz.

Cyganek: Allerdings, die meisten der etwa zweitausend Predigtstätten haben ein Instrument.

2021 stellt ekir.de im Monatstakt je eine Orgel vor. Welche haben Sie ausgewählt?

Cyganek: Die Auswahl und Präsentation von zwölf Instrumenten will einen Querschnitt durch Epochen, Stile und Charakteristika in unserer Kirche aufzeigen. Dabei ist bemerkenswert, dass die Orgel bereits im 17. Jahrhundert als ausgereift bezeichnet werden kann. Sie wurde seither nicht mehr "besser", sie wandelte sich vielmehr mit der Klangästhetik musikgeschichtlicher Entwicklungen. Während sich im 19. Jahrhundert insbesondere durch industrielle Fertigung im Orgelbau vielfach künstlerische und klangliche Vereinheitlichungen Bahn brachen, markierten die 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Trendwende. Der romantischen Orchesterorgel überdrüssig, begann in Deutschland eine Rückbesinnung auf die Blütezeit des europäischen Orgelbaus. Es bedurfte mehrerer Jahrzehnte, bis sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts künstlerisches Bewusstsein, handwerkliche Traditionen und auch das Orgelspiel einem Weltkulturerbe gewachsen zeigten.

Orgeln des Monats in Trier, Eckenhagen und Wuppertal

Worauf dürfen sich Leserinnen und Leser in den kommenden Monaten bei ekir.de freuen?

Cyganek: Im Vordergrund steht natürlich die exemplarische Vielfalt - in Größe, Klang und Prägung durch sogenannte Orgellandschaften, die man salopp gesagt mit regionalen Dialekten vergleichen kann. In Deutschland unterscheiden wir in größeren Zusammenhängen zwischen der norddeutschen und der süddeutschen Orgelbautradition. Eine Schnitger-Orgel in Ostfriesland klingt eben etwas schärfer als ein lieblicher intoniertes Werk im Schwabenland oder eine Silbermann-Orgel in Sachsen. Verschiedene Orgelbauerfamilien haben bisweilen über große Zeitspannen gewirkt und die Entwicklung durch höchste Qualität geprägt. Auf dem Gebiet unserer Kirche kann die Orgelbauerdynastie Stumm im Hunsrück dazugezählt werden.

Die "Orgel des Monats" Januar steht in der Konstantinbasilika in Trier, eine Unesco-Weltkulturerbestätte. Was zeichnet sie - in einem Satz - aus?

Cyganek: Auch wenn die Größe, das heißt die Anzahl der Register einer Orgel keineswegs etwas über ihre Qualität aussagt, so ist doch der Orgelneubau von 2014 in der Konstantinbasilika das jüngste Beispiel der gelungenen Verbindung von architektonischer Lösung und klanglich größtmöglicher Vielseitigkeit - in einem Raum, der ursprünglich nicht für eine Orgel konzipiert war.

Welche Instrumente folgen?

Cyganek: Fest im Blick sind bereits die Barock-Orgel von 1794 in Eckenhagen im Oberbergischen Kreis und die romantische Sauer-Orgel in der Friedhofskirche in Wuppertal-Elberfeld.

Mit Hilfe eines Baukastens die Orgel verstehen und spielen lernen

Was ist für das Jahr der Orgel in der Evangelischen Kirche im Rheinland sonst noch geplant?

Cyganek: Derzeit bereiten wir eine landeskirchenweite Kampagne vor, um Menschen nicht nur für das Instrument zu begeistern, sondern ihnen auch zu ermöglichen, das Orgelspiel zu erlernen. Veranstaltungen in den Kirchenkreisen werden hoffentlich schon zur Jahresmitte dazu einladen, interessante Instrumente der Region näher kennenzulernen. Um auch für Kinder und Jugendliche eine Orgel buchstäblich begreifbar zu machen, haben wir mehrere Instrumente bauen lassen, die man in kleinen Gruppen selbst zusammensetzen kann. Dabei lernt man ihre mechanische Spielweise verstehen und kann natürlich auch richtig darauf musizieren. Diese kleinen Tisch-Orgeln haben wir Organetto genannt. Sie sind über das Landeskirchenamt kostenfrei auszuleihen und vor Ort vielseitig einsetzbar, etwa im Konfirmandenunterricht, im Musikunterricht oder bei einer Veranstaltung zur Nachwuchsförderung in der Kirchengemeinde. Auch dieses kleine Instrument wurde übrigens von einem rheinischen Orgelbauer mit großer handwerklicher Tradition, Matthias Wagner aus Mönchengladbach, konzipiert und gefertigt.

ekir.de/Cornelia Breuer-Iff


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