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Botschafter für Bildung – Neujahrsempfang 2019

Trier – „Sind YouTuber die besseren Lehrer? Wie das Internet Bildung verändert“ – mit dieser Frage beschäftigte sich die rund 500 Gäste des diesjährigen Neujahrsempfangs des Evangelischen Kirchenkreises Trier am Montag, 26. August 2019, in der Evangelischen Kirche zum Erlöser, der Konstantin-Basilika in Trier. Für die Referentin, YouTuberin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim war klar: „Beim Internet, bei der Revolution die es mit sich bringt, geht es nicht nur um Technik. Es ist eine Revolution, wie wir an Informationen kommen, wie wir kommunizieren, wie wir uns begegnen.“

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim in der Konstantin-Basilika Trier (Foto: E. Lagoda)

Dr. Jörg Weber begrüßte die Gäste beim Neujahrsempfang des Evangelischen Kirchenkreises Trier 2019

Es sei auffallend, dass beim Sprechen über das Internet nach wie vor oftmals zwischen jung und alt unterschieden werden. "Nur weil die Jugend das Internet nutzt, heißt das nicht, dass es nicht uns alle betrifft", so Nguyen-Kim. Der Referentin, die ihre berufliche Laufbahn zunächst als promovierte Chemikern in der Wissenschaft begonnen hat, sei nicht nur durch das Aufkommen des Begriffs der so genannten "alternative facts" klar geworden, dass "es nicht nur wichtig ist, Wissenschaft zu machen, sondern auch darüber zu sprechen". Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten, würden durch das Internet herausgefordert.

Denn: "Grundlegende menschliche Eigenschaften werden anders möglich." Menschen kommunizieren - durch das Internet auch mit "aller Welt" - oder aber auch mit Hilfe eines Avatars, einer künstliche Person, hinter der sich der reale Mensch auch verstecken ließe. Werte fielen so in Kommentarspalten auch schon einmal unter den Tisch, betonte die Grimme-Online-Award-Trägerin in der Kategorie Wissen und Bildung. Bildung passiere heute nahezu ununterbrochen: "Uns werden ständig Informationen und Werte vermittelt." Der Studie des Rates für Kulturelle Bildung zufolge erhielten immerhin 60% Ihre Informationen über YouTube, nur überholt von der Informationsrecherche über Suchmaschinen wie Google. Dabei gehe insgesamt der Trend deutlich hin zu Podcasts und Videos.

Bedeutung von YouTube für die Schulen
Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob YouTuber die besseren Lehrer seien, gab Mai Thi Nguyen-Kim eine klare Antwort: "Nein. Natürlich sind YouTuber nicht die besseren Lehrer." Aber trotzdem sollte klar sein, dass die Bedeutung und die Existenz von YouTube auch die Schulen deutlich und durchaus wesentlich beeinflusse. Als ein Beispiel nannte sie das Video des YouTubers Rezo - durch dessen Beitrag hätten viele erstmals überhaupt YouTube gesehen und wahrgenommen. Das Internet habe ihm eine Plattform geboten, so Nguyen-Kim. Daran werde deutlich, was sich wirklich ändert - "heute kann jeder Sender sein", so die Grimme-Online-Award-Trägerin in der Kategorie Wissen und Bildung - und bezog sich dabei auch darauf, dass nicht mehr nur die klassischen Sender (wie beispielsweise die Öffentlich-Rechtlichen) Informationen lieferten. Ihre These: Dies führe zu mehr Demokratie, auch eine Bewegung wie Fridays for future habe sich erst durch das Internet verbreiten können. Der Effekt dabei sei aber auch, dass traditionelle "Sender" wie Wissenschaft und Presse, Kirche und Universitäten an Autorität verlören, weil immer mehr Menschen ihre Stimme hörbar machen könnten. "Jetzt ist die Zeit der Demut", betonte Nguyen-Kim. "Wir müssen uns die Aufmerksamkeit hart verdienen." Auch sie selbst verbrächte viel Zeit damit, ihre Wissenschaftsvideos für den YouTube-Kanal maiLab, einem Gemeinschaftsangebot von ARD und ZDF, ansprechend zu gestalten. "Wir müssen uns mehr anstrengen - in einer Medienlandschaft, die immer diverser wird."

Die Frage nach der Medienkompetenz neu stellen
Unter denen, die ihre Stimme hörbar machten, seien auch solche, die es kritisch zu betrachten gelte. Als ein Beispiel brachte Nguyen-Kim den Fall einer mineralischen Lösung, die im Internet zu bestellen sei und von der es hieße, sie könne bei vielen Krankheiten helfen. Dabei handele es sich nachgewiesener Weise um ein mit Bleiche versetztes Desinfektionsmittel für Wasser - aber sogar so genannte Experten würden die Nutzung empfehlen, so die Chemikerin. Falschinformationen könnten im Internet besonders gut gedeihen, "weil wir einen absoluten Informationsüberfluss haben", erläuterte die Wissenschaftsjournalistin. Zudem gebe es mitunter zu viele widersprüchliche Informationen - die Folge sei, dass die Menschen skeptisch würden, es ginge ebenso um die Vertrauensfrage. Auch hier seien Lehrer und Erzieher gefragt: Sie würden den Kindern und Jugendlichen in einer Lebensphase begegnen, in der Bildung noch viele Früchte tragen könne, so Nguyen-Kim. Für die Schulen hieße dies zusammengenommen, dass die alte, aber nach wie vor hochaktuelle Frage nach Medienkompetenz neu gestellt werden müsse - "gerade heute, wo nicht der Zugang zu Informationen das Problem ist, sondern der Informationsüberfluss". Dabei gelte es weniger, in Technik an den Schulen zu investieren, sondern in Weiterbildung. Für das Vermitteln von Medienkompetenz bräuchte es zudem auch eine gewisse Reife, betonte Nguyen-Kim.

Dazu brachte die Referentin das Beispiel eines so genannten "Verschwörungstheoretikers" - und betonte: "Das Internet bietet große Bühnen." Und die Menschen neigten dazu, das, was viele gut fänden, gut zu finden - und der Masse zu folgen. Aufmerksamkeit sei Macht - und im Falle mancher Informationsgeber, wie beispielsweise Verschwörungstheoretikern, sei es besser, diese Aufmerksamkeit gar nicht erst zu geben. "Es klingt fast wie ein Widerspruch - aber je mehr Zugang wir zu Informationen haben, umso mehr müssen wir gebildet werden." Die Welt sei komplexer geworden - immer weniger Dinge hätte nur noch die berühmten "zwei Seiten einer Medaille". Extreme Meinungen nähmen einen schnell ein, aber die Wahrheit in der Mitte sei sehr viel differenzierter, verdeutlichte Nguyen-Kim. "Deshalb gebt euch nicht mit der einfachen Antwort zufrieden! Wir wissen, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt."

YouTube-Videos im Unterricht
Zum Einsatz von Internetvideos in Schule und Unterricht hatte Nguyen-Kim dann auch einen ganz simplen wie wirkungsvollen Tipp: Sie würde sich freuen, wenn ihre YouTube-Videos im Unterricht gezeigt würden - am besten immer kombiniert mit Fragen zur Medienkompetenz: "Was behauptet Mai da? Hat Mai Recht damit? Woher weiß sie das? Was sind ihre Quellen?" Denn es gelte, sich rechtzeigt anzugewöhnen, dass die Welt und insbesondere der Umgang mit Informationen komplexer geworden sei. Bei aller Komplexität aber blickt Mai Thi Nguyen-Kim optimistisch in die Zukunft, denn das Internet biete viele Chancen. Vor allem aber ginge es nicht zurück. "Es ist ein Thema, dass uns alle betrifft."

Voraussetzung für gelingende Bildungsprozesse
Dr. Jörg Weber, der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier, brachte es so auf den Punkt: "Danke, dass Sie uns Mut gemacht haben, dass wir Botschafter für Bildung sind." In seiner Begrüßung erläuterte er, wie Evangelische Kirche und Bildung sich zu einander veralten: Kirche setze sich nicht erst seit der Reformation für Bildung ein, die Reformatoren aber hätten diese Tradition wiederentdeckt und neu belebt. Aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen heraus hielten sie es für bedeutsam, dass der Mensch gebildet sei und sich bilde - modern gesprochen ginge es dabei, so Weber, auch um Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe. "Denn ohne Bildung gibt es keine Möglichkeit kritisch zu sein, also im eigentlichen Sinne unterscheiden zu können." Für Martin Luther habe dies bedeutet, die Menschen sollten die christliche Botschaft in ihrer Sprache hören, verstehen und anwenden können. Bildung trage dazu bei, das eigene Leben verantwortlich führen zu können und sich für die Gesellschaft und für sich selbst einsetzen zu können. Für gelingende Bildungsprozesse brauche es aus Webers Sicht dann eben auch beides - sowohl Personen, wie Lehrerinnen und Lehrer, die Anstöße gäben, die in einem angelegten Fähigkeiten auszubauen, zu entwickeln oder zu entdecken, wie auch Medien, die komplexe Zusammenhänge und Informationen verdeutlichen oder veranschaulichen könnten.

20 Jahre Neujahrsempfang
Das Thema Bildung sei, so Weber, ein für evangelische Kirche wichtiges Thema - und dies zeige auch der Neujahrsempfang: Vor 20 Jahren fand der erste Empfang statt, damals ins Leben gerufen von dem ehemaligen Schulreferenten des Kirchenkreises Trier, Pfarrer Paul Krachen. Zu Beginn des neuen Schul-Jahres sollten dem Thema Bildung ein besonderer Platz innerhalb der Veranstaltungsangeboten des Kirchenkreises gegeben werden - und dies sei gelungen, so Weber.

Thomas Linnertz, Präsident der ADD Trier, betonte in seinem Grußwort die Bedeutung des "unmittelbaren menschlichen Miteinanders" in den Schulen. Ein sinnvoller Einsatz von Medien auch dort sei allerdings unbedingt begrüßenswert. Dem stimmte Kirchenrat Rainer Pauschert von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) zu: "Das Internet hat vieles zu bieten, das Lehrerinnen und Lehrer unterstützt." Pauschert betonte dem gegenüber aber auch noch einmal, dass "der Handel mit Daten" ein absolutes NoGo sei - hier gelte es, sich schützend davor zu stellen.


Fotos: E. Lagoda


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