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Sieger der Herzen - ProvinzPost zu Ostern 2021

In 80 Tagen um die Welt? Davon habe ich als Kind geträumt. Und damals die Fernsehserie rund um den Roman von Jules Verne gespannt angesehen. Vor ein paar Wochen ist der Traum wieder aufgetaucht. Mit dem Segler Boris Hermann, der bei der Regatta Vendée Globe mit seiner Jacht in 80 Tagen ganz allein um die Welt gesegelt ist.

Es war unglaublich spannend. Eines Nachts sollten die Führenden in den Hafen einlaufen. Hermann lag auf dem dritten Platz, hatte aber noch Siegchancen. In den Tagen davor hat der Segler immer wieder von seinem tollkühnen Abenteuer per Video berichtet. Von den meterhohen Wellen, dem wenigen Schlaf oder den Flauten, als er nicht vorankam.

Ich habe mit Segeln nichts am Hut, aber das war total spannend. Und dann rammte er kurz vor dem Ziel ein Fischerboot. Die Warnsysteme hatten versagt. Er war total enttäuscht, hat aber dennoch weitergemacht und nicht aufgegeben. Hut ab vor dieser Leistung. Ich werde sowas nie erreichen. Aber ich finde, das Vertrauen in seine Möglichkeiten bei Boris Hermann war immens. Außerdem erzählt diese Regatta Geschichten vom Leben. Wie die Ostergeschichten, nur auf andere Art.

Apropos Ostern: eigentlich hatte ich ja wie manch andere gehofft, dass Ostern anders ist, als im letzten Jahr, im ersten Lockdown. Dass es nun in Bezug auf das Verhältnis von Weihnachten und Ostern ein Dèjá vu in öffentlichen Debatten gibt, war in diesem Jahr zwar absehbar, eine neue Erfahrung ist es dennoch. Nun gibt es jenseits der Frage, ob Ostern in der Kirche in diesem Jahr virtuell oder präsentisch gefeiert wird, ja den theologischen Zusammenhang zwischen der Geburt Jesu an Weihnachten und Jesu Tod und Auferstehung an Karfreitag und Ostern.

Dr. Jörg Weber, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier

Das erklärt noch nicht die Debatten um die Frage nach Kontaktbeschränkungen an Ostern oder welche Form von Gottesdienst ich angesichts steigender Infektionszahlen feiern möchte. Auf dem gedanklichen Umweg über den seit Weihnachten gelten Lockdown wird öffentlich nun deutlich, dass diese beiden christlichen Feste doch irgendwie zusammenhängen. 

Und das gerade deshalb, weil die biblischen Geschichten existentieller Art sind, an Weihnachten wie rund um Ostern. Denn in den biblischen Geschichten geht es auch um das volle Leben. Was die Auferstehung des Lebens mit der tiefen Verzweiflung des Karfreitags, dem Todestag Jesu zu tun hat. Der Karfreitag steht für die Verzweiflung der Menschen, für die durch Jesu Tod eine langjährige Beziehung zu Ende ging und an Ostern plötzlich wieder aufleben konnte. Das kann man schön in der Geschichte von den beiden Jüngern Jesu nachlesen, die nach Jesu Tod in Ihre Heimatstadt zurückgehen. In einer zufälligen Bekanntschaft auf dem Weg begegnet ihnen der auferstandene Jesus und bewirkt, dass die beiden deprimierten Männer wieder Vertrauen und Hoffnung schöpfen. 

So zeigen die Geschichten vom auferstandenen Jesus, wie stärkend wie hoffnungs- und vertrauensvoll Glauben sein kann. Ich weiß nicht, ob der Segler Boris Hermann an Gott glaubt. Aber für mich ist er ein Beispiel für dieses Vertrauen. Und für den Glauben, der mir hilft, weiterzumachen, auch wenn die Wellen des Lebens ziemlich hoch sind und Hindernisse auftauchen. Gewonnen hat Boris Hermann nicht, aber er war Sieger der Herzen. "Man muss an die guten Dinge auch glauben", hat er gesagt. 

Diese Haltung hilft mir, gibt mir Trost und stärkt mich gerade in diesen Tagen, in denen ich oft genug nicht weiß, wie es weitergeht. Sie gibt mir Hoffnung und Kraft und lässt mich immer wieder aufstehen, trotz zähem Lockdown, trotz Ungewissheiten und Ängsten. Daher ist an Ostern vor allem eins wichtig: Ostern ist der Sieg des Lebens. Und deshalb ist Ostern für mich auch so etwas wie ein Sieg der Herzen.

Dr. Jörg Weber, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier
Ostern 2021