Nachrichten

Du stellst meine Füße auf weiten Raum - Ökumenischer Gottesdienst zum Welthungertuch in der Basilika.

In diesem Jahr wird das Welthungertuch zu ersten Mal als eine ökumenische Gemeinschaftsveranstaltung von Misereor und Brot für die Welt gefeiert. Aus diesem Anlass lud der AK Ökumene der Stadt Trier am Sonntag, den 21.3. zu einem Gottesdienst in die Kirche zum Erlöser, der Konstantin-Basilika ein. Etwa 50 Menschen waren gekommen. Sie erlebten einen intensiven Gottesdienst rund um das Hungertuch der chilenischen Künstlerin Lilian Morno Sánchez, an dem wir Sie mit dem folgenden Taxt teilhaben lassen wollen.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels

Hungertuch 2021/22 von Misereor und Brot für die Welt

Kraftvoll, dynamisch, raumgreifend. Dreigeteilt – ein Triptychon. Schwungvolle Linien, von rechts oben in die Mitte und dann wieder aufwärts. Wie schwarze Wollfäden, in der Mitte zusammengeknäult, gestaucht, sich dann wieder auflösend. Viel Raum, helle Flächen mit dunklen Flecken, immer wieder zarte Blumen. Die Farben: Weiß, Grau, Schwarz und Gold. Bei genauerem Hinsehen: ein menschlicher Fuß – zugleich das Hauptmotiv des Bildes. Kein Fuß, der festen Stand gibt, der trägt; nein, ein gebrochener Fuß, verdrehtes Gelenk. Kein realistisches Foto, sondern ein Röntgenbild. Es erlaubt, durch die oberflächlichen Schichten hindurchzuschauen in die Tiefe, die inneren Strukturen – so die chilenische Künstlerin.

Als Grundlage genommen hat sie den Fuß eines Menschen, der 2019 bei einer Demonstration gegen das zutiefst ungerechte System in Santiago de Chile von der Militärpolizei verletzt worden ist. Stellvertretend für die Opfer! Spur und Abdruck von politischer Gewalt!

Losgelöst von diesem konkreten Hintergrund: Wer schon mal einen Fuß gebrochen hatte, weiß: Man hat keinen festen Stand mehr, gerät ins Wanken, ist unbeweglich oder zumindest eingeschränkt, oft auch hilflos. Die Begrenztheit, Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit von uns Menschen wird schmerzlich bewusst. Der gebrochene Fuß: In Corona-Zeiten auch Hinweis auf einen weltumspannenden Bruch und Notstand. Angst vor Ansteckung, Sterben, Existenznot, soziale Distanz, Isolation, Einsamkeit.

Beim Betrachten konzentriert sich der Blick auf die mittlere Tafel: Mit schwarzer Kohle gezeichnete eng verschlungene Linien vermitteln schier aussichtslose Verworrenheit, Kampf, Schwere. Die Muster korrespondieren mit dem linken Bildteil, geben Impulse, werden weitergeführt. Die Zehen strecken sich behutsam nach oben, werden ruhiger und offener. „Die Linien des Hungertuches kämpfen, sie sind verschlungen, aber sie lösen und befreien sich. Sie bekommen eine Leichtigkeit. Sie tanzen in unterschiedlicher Intensität. Das nenne ich die Kraft des Wandels“ – so die Künstlerin.

Jeder Bruch, sei es im persönlichen oder gesellschaftlichen Bereich, ist eine Krise, ein zunächst offener Moment, in dem sich aber etwas entscheidet. Man kann in Leiden, Schmerz und Depression versinken. Oft wächst aber auch die Erkenntnis und der Druck: Man muss etwas grundsätzlich verändern, mit sich und anderen anders umgehen. Und das ist mehr als Durchhalten. Es ist die Hoffnung auf Neuanfang und Heilung.

Das ist auch die Erfahrung des biblischen Psalmbeters, der seine jahrelange Erfahrung von Krankheit, Einsamkeit und Verzweiflung verarbeitet und zu hoffen wagt: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31). Der Psalm „atmet den Duft der Freiheit und des Vertrauens, wenn Füße schwach werden, Wege uneben und Räume eng werden“ (Cl. Kolletzki).

Nicht beim Leid stehen bleiben, sondern in der Krise den Beginn von Neuanfang und Heilung sehen, aus dem Bruch einen Aufbruch machen - Das ist die Botschaft des Hungertuches, die auch in Details zum Ausdruck kommt. Das Bild ist auf gebrauchten Bettlaken aus einem Krankenhaus und einem bayrischen Kloster gestaltet. Heilung geschieht medizinisch und spirituell, der Körper und die Seele sollen gesund werden. Der Stoff ist voller Falten und Verletzungen, aber zusammengenäht mit goldenen Fäden, die auf Heilung und Zukunft hoffen lassen. Staub aus dem „Platz der Würde“ in Santiago/Chile ist in das Tuch gerieben, Erinnerung an Gewalt, aber auch an den Mut, für die Rechte einzutreten. Leiden und Schmerz können überwunden werden, davon künden auch die zwölf aus Blattgold aufgetragenen Blumen, die Kraft und Schönheit des neu erblühenden Lebens symbolisieren.

Vielfältig sind die Zugänge zu dem Hungertuch 2021/22 – und es lohnt, sich den eigenen persönlichen Weg zu suchen. Spannend sind auch die Erläuterungen der chilenischen Künstlerin Lilian Morno Sánchez zu ihrem Werk und die Querverbindungen, die von Seiten der Vertreter*innen von Misereor gezogen werden.

Gerne folgen wir dem Motto und Credo der Künstlerin: „Ich zeige die Realität schonungslos und in ihrer ganzen Härte – aber ich verharre nicht darin, sondern zeige, wie wichtig es ist, sich weiter zu bewegen und zu entwickeln, ein Suchender zu sein. Das ist eine Kraft, die es erlaubt, uns zu befreien und in dieser Befreiung und Weite zu solidarischen und gerechten Strukturen zu finden.“

Marlies Lehnertz-Lütticken

Anregungen aus dem Arbeitsheft zum Welthungertuch: „Aufstehen für das Leben“ von Claudia Kolletzki „Kraft, die sich wandeln will“, Interview mit L.M. Sanchez