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Die Schuhe sind (nicht) zu groß

Grundsätzlich sind nun wieder Gottesdienste in den Kirchen möglich. Doch es braucht noch etwas Geduld. Es muss noch ein Sicherheitskonzept erarbeitet werden. Solange bieten wir wie gewohnt an Sonn- und Feiertagen ein Web-Andacht an.

In den letzten Wochen gab es auf unserer Homepage Video-Andachten, in dieser Woche wieder eine Andacht zum Mitlesen und Mitbeten. Nehmen Sie sich etwas Zeit, kommen Sie zur Ruhe, vielleicht sprechen Sie die Gebete laut mit mit und zünden eine Kerze an...

 

 

 

Wir sind jetzt verbunden im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, ich begrüße Sie zu dem Sonntag „Rogate“ – auf Deutsch „Betet“ – mit dem Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“ (Ps 66,20)
Beten heißt Reden mit Gott. Im Gebet darf ich alles vor ihn bringen: meine Freude und meinen Dank, aber auch meine Zweifel und meine Angst.
Alle meine Gefühle sind bei ihm gut aufgehoben. Gott hört mein Rufen. Er ist für mich da.
Er macht mir Mut, meinen Weg zu gehen und meiner Berufung zu folgen.

In Psalm 95 lesen wir: "Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat. Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.“

Wir beten:

Gott, wieviel hast du uns anvertraut, viele Kräfte und Talente sind uns geschenkt.
Und wie oft sehen wir sie nicht. Wir vergleichen uns mit anderen und sehen bei ihnen viel mehr: Alles scheint ihnen leichter und besser von der Hand zu gehen.
Dann fühlen wir uns kleiner als wir sind. Schmollend ziehen wir uns zurück, unseins mit dir und uns selber. So lähmen wir uns selbst und nehmen uns und anderen die Freude am Leben.
Gott, wenn wir uns selbst uns unsere Möglichkeiten verstecken, dann hol uns heraus aus unserem dunklen Loch. Bring uns ans Licht.
Hilf, dass wir unsere vielen Gaben und Kräfte dankbar bewahren und nach deinem Willen gebrauchen.
Das bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.


Liebe Gemeinde,

als meine Tochter Christina klein war, liebte sie es, sich zu verkleiden. Heute ist sie eine junge Frau. Kürzlich sprachen wir über Familien-Schnappschüsse von früher. Und sie erinnerte sich: „Es gibt doch ein Foto von mir, wo ich ein buntes Kleid anhabe, einen Hut auf dem Kopf, und meine Füße stecken in viel zu großen Schuhen.“ – Vorgestern fand ich das Foto beim Aufräumen wieder und zeigte ihr die Aufnahme.
Ich musste daran denken, wie ich selbst mir als Kind heimlich die Schuhe meines Vaters angezogen habe und damit durch die Wohnung gestolpert bin. Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich einmal in solchen Schuhen laufen könnte. Erwachsenenschuhe waren mir mehr als eine Nummer zu groß. „Nein“, sagte ich mir, „in diese Schuhe passe ich nicht.“
Vielleicht kennen Sie das, liebe Gemeinde. Dass Sie das Gefühl haben, Ihnen sei etwas eine Nummer zu groß. Sie seien Sache nicht gewachsen. Weil Ihnen die Erfahrung, das Wissen oder die Kraft fehlt. Das kann eine berufliche Herausforderung sein, oder ein Kreuz, das Ihnen auferlegt wird, oder einfach das schwierige Leben in der Corona-Zeit mit all den Beschränkungen.

Dieser Schuh ist mir zu groß, dachte auch Jeremia, von dem uns die Bibel erzählt. Gleich am Anfang des Jeremiabuches hören wir, wie Gott zu Jeremia spricht: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und habe dich auserwählt, noch ehe du von deiner Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ - Jeremia wird zum Propheten berufen. Eine Riesenaufgabe. Da stehen auf einmal ganz große Schuhe vor ganz kleinen Füße. Muss er damit nicht unweigerlich stolpern und hinfallen?
Jeremia schluckt erst einmal. Er betet zu Gott: „Ach, Herr, ich tauge doch gar nicht zum Predigen. Und ich bin zu jung!“ Doch Gott lässt sich auf keine Diskussionen ein. Er antwortet auf Jeremias Ausflüchte: „Sage nicht ‚Ich bin zu jung‘, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.“ – Das ist alles. Jeremia wird gar nicht gefragt. Gott hat ihn für diese Aufgabe ausgesucht – keine weitere Begründung, kein Drohen, kein Werben, kein Überreden.
Doch kann es nicht sein, dass Gott sich geirrt hat? Dass gar nicht Jeremia gemeint ist? Gott weiß offenbar ganz genau, was einem Menschen zutrauen kann. Bei Gott gibt es keine Zufälle. Er kennt Jeremia von Mutterleib an. Schon vor seiner Geburt. Genauso wie er jede und jeden von uns kennt. Mit seinen Gaben und Kräften. Gott weiß unsere persönliche Schuhgröße. Jeder Mensch trägt eine Bestimmung, der er folgen muss. Dann wird sein Leben Frucht bringen und zum Segen werden für andere.

Vermutlich hätten wir ähnlich wie Jeremia reagiert. Wir hätten Ausreden gesucht. Doch das Leben lässt nicht mit sich verhandeln. Wir können uns nicht aus unsere Aufgabe herausstehlen. Ja, Gott mutet uns auf unserem Weg Dinge zu, die wir uns als Kind nicht vorgestellt hätten. Doch er lässt uns mit den Herausforderungen nicht allein.
So wie er Jeremia versprochen hat, ihn "zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer" gegen alle Feinde und Widerstände zu machen, so hat Gott auch uns seine Nähe und Hilfe zugesagt. Als Christen vertrauen wir darauf, dass sich Gott in der Taufe mit uns verbündet hat. Ich darf wissen, wie immer die Herausforderungen aussehen werden, Gott ist bei mir. Im Gebet spüre ich seine Nähe täglich neu.
Gott verlässt mich nicht. Er hat mir persönlich Gaben geschenkt, die ich einsetzen soll. Vielleicht habe ich ab und zu die Sorge, die Schuhe seien mir zu groß. Doch ich wachse in sie hinein. Ich kann meine Aufgabe annehmen. Denn: Gott ist bei mir! Amen.

Wir wollen Fürbitte halten:

Gott,
du stellst uns täglich vor neue Herausforderungen und Aufgaben. Doch du lässt uns nicht allein. Du hast uns gesegnet mit Gaben und Talenten.
Lass uns die vielfältigen Begabungen entdecken, die uns gegeben sind.
Mache den Jungen Lust am Leben mit der Weisheit der Alten. Und halte die Alten in Bewegung durch die Anregungen der Jungen.
Hilf den Eltern, mit ihen Kindern das Leben neu für sich zu entdecken.
Schenke alle Kranken deinen Beistand und Trost.
Lass alle, die jetzt in der Corona-Zeit einsam sind, Geborgenheit erfahren.
Gib allen, die sich um Kranke kümmern, in Kliniken und Heimen, Kraft für ihren Dienst und bewahre sie vor Ansteckung.
Schenke denen, die nach Therapie und Impfstoff forschen, raschen Erfolg.
Lass alle, die sich kümmern in Politik und Verwaltung, Weisheit und gute Beratung finden.
Sorge dafür, dass die, die um ihre berufliche Existenz besorgt sind, Hilfe erfahren.
Lass uns an unseren Aufgaben nicht verzweifeln, auch wenn wir meinen, die Schuhe seien uns zu groß. Segne unsere Arbeit und mache uns stark.
Amen.

Und was uns noch an Bitte und Fürbitte auf dem Herzen liegt, nehmen wir mit in das Gebet des Herrn:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.
Amen.

Zum Abschluss der Web-Andacht bedanke ich mich für Ihren Besuch. Bleiben Sie gesund!