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Eine gesellschaftlich brisante Frage – Udo Di Fabio über Reformation und Menschenbild

Trier – Am Montag, 28. August 2017, hatte der Evangelische Kirchenkreis Trier zu seinem alljährlichen Neujahrsempfang zu Beginn des neuen Schuljahres eingeladen. Vor rund 400 Gästen sprach der Referent des Abends, der Bonner Professor Udo Di Fabio, zu einem großen Thema: Reformation und modernes Menschenbild. „Die Frage nach dem Menschenbild ist etwas, das gesellschaftlich brisant ist, die politisch ist“, betonte der Rechtswissenschaftler dann auch direkt zu Beginn – und zog anschließende Linien zwischen Luther, Grundgesetz und Bundesverfassungsgericht. Letzteres habe, so Di Fabio, bereits in seinen frühen Entscheidungen über das Menschenbild des Grundgesetzes gesprochen, und damit eine Richtung gewiesen für die gesamte Rechtsordnung. Dabei sei das Menschenbild von der Würde des Menschen geleitet: „Nach diesen Wurzeln zu fragen, ist ein spannendes Unterfangen. Die Würde kommt jedem Menschen in gleichem Maße zu", und das allein aufgrund seiner Menschlichkeit, unabhängig von Leistung oder auch Schuld, so Di Fabio.

Stellten die Frage nach dem Menschenbild: Thomas Linnertz, Präsident der ADD Trier, Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio, Universität Bonn, sowie Superintendent Dr. Jörg Weber, Evangelischer Kirchenkreis Trier. (v.l.) - Bild: ekkt.de

Keine Freiheit ohne die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung

Vielmehr noch habe jeder Mensch „das Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit". Auch die Rechtsprechung wisse, dass der Mensch zu sozialen Bindungen nicht nur geschaffen, sondern sogar berufen sei, führte der ehemalige Verfassungsrichter weiter aus. Freiheit sei eine „menschliche Qualität". „Unsere Verfassung geht dabei davon aus, dass ein jeder verantwortlich mit seiner Freiheit umgeht." Dabei sei jegliches Miteinander immer getragen vom Prinzip der Freiwilligkeit: „Kollektivistische Gemeinschaftsvorstellungen sind mit unserem Freiheitspostulat nicht vereinbar", so Di Fabio weiter. Jede Freiheit müsse auch die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung haben. Für den Bildungsbereich brachte Di Fabio es so auf den Punkt: „Die Schule braucht bei aller Aktivierung der Schüler immer auch eine Form." Partizipation sei wichtig, aber „man muss sich auch von Lehrern sagen lassen, was der Gehalt von Bildung ist", so Di Fabio weiter. Gesamtgesellschaftlich gesehen sei eine Gesellschaft nur dann frei, „wenn sie bereit ist sich zu limitieren, durch den Wahlakt der Bürger und durch die Bindung an das Gesetz".

Postmodernes Menschenbild

Di Fabio stellte aber auch die Frage, inwiefern sich bereits das „postmoderne Menschenbild" in die Diskussion einschliche: „Ist die Zukunft überhaupt kompatibel mit dem, was Martin Luther und die Moderne aus dem Menschenbild gemacht haben?" Der westliche Gesellschaftstyp befände sich in der Krise, so Di Fabio, „weil er irre wird an seinen normativen Fundamenten, am eigenen Weltbild." Es gehe darum, „wie rasch wir bereit sind, die Freiheit zur Disposition zur stellen." Dabei sei Bildung ein entscheidender Faktor: „Ist unsere Bildung noch daran orientiert, dass das Prinzip der persönlichen Entfaltung vor jedem anderen steht?" Das Vertrauen auf die Schöpferkraft des Einzelnen werde nicht überall in den Mittelpunkt gestellt - es gelte aber, immer wieder genau daran zu denken. „In unserem Menschenbild kommt es nicht auf die Zahl an. Es kommt auf den Einzelnen an - auf Dietrich Bonhoeffer, Georg Elser, die Geschwister Scholl..." Es gehe darum, „ein solches Zeichen" zu setzen, das nicht in der Überzahl anderer Argumente untergehe.

Instanzen der Verantwortung

Abschließend bündelte Di Fabio, der auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates zum Reformationsjubiläums der EKD ist, seine Überlegungen in der Frage nach Gott: „Was ist mit Gott, was ist mit dem, der uns erst zur Person macht?" In der Präambel des Grundgesetzes würden, so Di Fabio, die „Instanzen der Verantwortung" genannt. Es sei nicht der Staat, dem die Bürger zu dienen hätten, „die Bürger schaffen sich vielmehr einen Entfaltungsraum". Und so stehe Gott zu Recht im Grundgesetz in der Präambel. Gemeint sei dabei allerdings jeder Gott, „es ist sogar der Gott der Gottlosen gemeint", so Di Fabio weiter. Jeder könne glauben oder nicht glauben, Artikel 4 des Grundgesetzes garantiere auch die „negative Glaubensfreiheit". Dieser Passus der Präambel erinnere jedoch an die „Bezugnahme auf das Transzendente": „Wenn man nur den Menschen dient, dann ist jede Grenzüberschreitung nützlich für den Einzelnen." Diese Bezugnahme erinnere jedoch an das, was es jenseits der menschlichen Fähigkeiten gebe, und das klar mache, dass „die Würde des Einzelnen zu achten sei". Denn ein Menschenbild des „gegenseitigen Respektes und der Akzeptanz" könne nicht zur Disposition gestellt werden, so Di Fabio abschließend.

Frage nach dem Verhältnis von Gott und Mensch

Auch Dr. Jörg Weber, der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier, betonte in seinem Grußwort, dass bereits die Reformatoren „nach dem Verhältnis von Gott und Mensch", also nach Gottes- und Menschenbild gefragt hätten. Und auch wenn die Anwendungsbeispiele neu seien, beispielsweise in Bezug auf die Möglichkeiten der heutigen digitalen Welt und dem Umgang damit, so seien die eigentlichen Fragen sehr alt: „Was dient dem Menschen zum Leben? Und wo werden Grenzen überschritten, die kritisch zu beleuchten sind?" Antworten auf diese Fragen seien dabei am christlichen Menschenbild zu orientieren und „damit auch an der Tradition unseres Glaubens in der Situation moderner Wirklichkeit". Auch 500 Jahre nach der Reformation sei es eine bleibende Aufgabe, nach dem Verhältnis von Gott und Mensch und Mensch und Mensch zu fragen und aktuelle Antworten zu finden, fasste Weber es zusammen.

Der Prozesscharakter der Reformation

Der Präsident der ADD Trier, Thomas Linnertz, bescheinigte der Reformation Prozesscharakter: „Das Menschenbild hat sich im Laufe der Jahre immer weiter verändert und wird sich immer weiter verändern. Das ist ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft." Dabei stünde dieses auch in Bezug zu der Frage, „wie wir Schülerinnen und Schüler heute sehen". Schüler würden mit eingebunden in den Lernprozess und "bei dem Ziel, mündige Bürger zu erziehen, geht die Schule voran", so Linnertz. Dabei habe jeder ein Recht auf Bildung, verbunden jedoch auch mit Pflichten, denn: „Nicht alle haben das Glück, zum entdeckenden Lernen hingeführt zu werden." Für das Problem der Bildungsbenachteilung gebe es nach wie vor kein Patentrezept. Hier würde es noch viel Arbeit für die kommenden Jahre geben, betonte der Präsident, denn „das Bild des aufgeklärten, selbstständigen Menschen prägt auch unsere Arbeit", so Linnertz abschließend.

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